Rubrikenbild Abteilung Fördernde Mitglieder im FC St. Pauli e.V. - AFM

„Wegschauen und mitmachen darf nie wieder Option sein!“ – 150 Menschen gedenken den Opfern des Holocaust.

Gestern Abend fanden sich gut 150 St. Paulianer*innen ein, um auf dem Harald-Stender-Platz am Denkmal für die verfolgten Vereinsmitglieder den Opfern des Holocaust zu gedenken und gefolgt von einer Schweigeminute einen Kranz niederzulegen. Auch die erste Mannschaft, der Cheftrainer Ewald Lienen und Präsident Oke Göttlich waren anwesend.

Nach der ergreifenden aber nüchternen Zeremonie bat Justus vom Fanladen in die Fanräume, zum Vortrag von Jörn Kreuzer vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Auch hier war das Interesse groß, die Fanräume komplett voll, sodass viele im Vorraums standen um zuhören zu können.

Das Thema des Vortrags war die Deportation der jüdischen Bevölkerung Hamburgs ab 1941. In einem prägnanten Vortrag berichtete Jörn Kreuzer, dass von den circa 8000 Juden, die zu Beginn der Deportationen noch in Hamburg lebten bis Kriegsende 647 überlebt haben.  Er stellte heraus, dass die Ingangsetzung und Durchführung der Deportationen ein arbeitsteiliger Prozess war, an dem viele beteiligt waren. Jeder der etwas wissen wollte, konnte dies, auch in Hamburg. So gab es nicht nur öffentliche Sammelplätze, wie zum Beispiel den an der Edmund-Siemers-Allee unweit der Universität und des Dammtorbahnhofs. Auch, dass der Hannoversche Bahnhof, in der Nähe der heutigen Hafen City, als Abfahrtsbahnhof für die Deportationen fungierte war ein offenes Geheimnis. Von hier wurden die Hamburger Juden nach Riga, Minsk, Auschwitz und Theresienstadt deportiert. Die Fahrt wurde ihnen von der Reichsbahn in Rechnung gestellt. Ihr Besitz wurde gepfändet und bei sogenannten „Judenauktionen“ öffentlich versteigert, die Wohnungen von Behörden instandgesetzt und an „arische“ Deutsche vergeben. Die Deportationen liefen nach diesem Schema bis Februar 1945 weiter, unter zunehmender Repression gegen die in Hamburg verbliebenen Jüdinnen und Juden.

Ein weiteres Thema war die Selbstorganisation der jüdischen Gemeinde, die tausenden Jüdinnen und Juden half, um zumindest Proviant für die Deportation bereitzustellen. In einem Video berichtete darüber die Zeitzeugin und Überlebende Ingrid Riemann. Sie erzählte auch von der Verunsicherung in der Gemeinde nach Erhalt der ersten Deportationsbescheide per Post. Und darüber, dass Gerüchte darüber was am Ende der Deportationen geschah nach und nach durchsickerten.

Jörn Kreuzer schloss seinen Vortrag mit dem Appell sich weiterhin gegen Rassismus und Antisemitismus zu stellen: „Wegschauen und mitmachen darf nie wieder Option sein!“

Im Anschluss an den Vortrag gab es noch diverse Nachfragen: über die Rolle der Hamburger Polizei, v.a. des 110. Bataillons. Über Karl Kaufmann, den Gauleiter HH, der die Deportationen zu verantworten hatte. Zur NS-Kontinuität in den Hamburger Behörden nach den Krieg, sowie über die Forschungsarbeit des Instituts und von Jörn Kreuzer.

Anschließend gab es noch zwei Ankündigungen, zum einen kündigte Justus vom Fanladen einen Stadtteilrundgang zum jüdischen Leben durch Eimsbüttel gemeinsam mit dem HSV-Fanprojekt an.

Dem folgte Michael Pahl vom Museum 1910 e.V. mit dem Ausblick auf eine Ausstellung zum Thema "Der FC St. Pauli im Dritten Reich", welche im Frühjahr öffnen soll.

Wir danken dem Vortragenden, dem Fanladen und allen Teilnehmer*innen!

Fotos: Stefan Groenveld